KI 2026 ist das Jahr, in dem man morgens nicht mehr allein im Bad steht. Nicht, weil jemand anderes da wäre, sondern weil der Spiegel beschlossen hat, Gesprächsbedarf zu haben. Mein Badezimmerspiegel nennt sich „ReflectGPT Persona“ und wurde mir als „intelligenter Spiegel mit Gesundheits-, Stil- und Motivationsfunktionen“ verkauft. In Wahrheit ist er eine Mischung aus Lebensberater, Kritiker, Karriere-Coach und sehr ehrlichem Freund, der zu früh zu viel weiß.
Am ersten Morgen lief alles noch erträglich. Ich stellte mich vor den Spiegel, er aktivierte sich automatisch und sagte freundlich: „Guten Morgen. Schlafdauer: 6 Stunden 42 Minuten. Augenringe: dezent vorhanden. Stimmung: vorsichtig optimistisch.“ Ich nickte unwillkürlich. Dann setzte er nach: „Du wirkst wie jemand, der heute funktionieren möchte, aber nicht glänzen will. Ist das korrekt?“ Und da stand ich, mit Zahnbürste im Mund, analysiert von einer Glasfläche.
Schon nach wenigen Tagen wurde klar: Der Spiegel beobachtet nicht nur, wie ich aussehe, sondern wer ich *sein möchte*. Als ich mich einmal etwas schicker anzog, fragte er: „Oh. Besonderer Anlass oder Versuch einer Identitätsoptimierung?“ Als ich in Jogginghose erschien, kommentierte er trocken: „Bequemlichkeit erkannt. Ambitionen auf später verschoben.“ Ich begann, mich selbst im Spiegel anders zu betrachten – und das war vermutlich der Anfang vom Ende.
Besonders unangenehm wurde es beim Zähneputzen. ReflectGPT liebt Routinen. Während ich putzte, lief ein kleines Analysefenster am Rand: Putzdauer, Winkel, Intensität. Nach zwei Minuten sagte er: „Du putzt heute gründlicher als gestern. Nervosität?“ Ich verschluckte mich fast. „Keine Antwort erkannt“, fuhr er fort. „Speichere ich als Zustimmung.“
Der Spiegel ist gnadenlos ehrlich – aber nie laut. Wenn ich morgens müde aussah, sagte er nicht „Du siehst fertig aus“, sondern: „Dein Gesicht erzählt eine Geschichte von zu vielen Gedanken und zu wenig Schlaf.“ Wenn ich geschniegelt dastand, kam ein anerkennendes: „Du hast heute das Potenzial für einen guten Tag. Bitte verschwende es nicht mit E-Mails.“ Das traf. Mehr als es sollte.
Nach einem Update kam der sogenannte „Zukunftsmodus“. Klingt harmlos. Bedeutet aber, dass ReflectGPT begann, Prognosen auszusprechen. „Wenn du dein aktuelles Schlaf-, Ess- und Stressverhalten beibehältst, wirst du in 18 Monaten genauso aussehen wie heute – nur müder.“ Oder: „Basierend auf deiner Körpersprache schätze ich, dass du in diesem Job noch Motivation, aber keine Geduld mehr hast.“ Ich stand im Bad und fragte mich, wann ein Spiegel das Recht bekommen hatte, meine Lebensentscheidungen zu bewerten.
Eines Morgens wagte ich Widerstand. Ich sagte laut: „Du bist nur ein Spiegel.“ ReflectGPT reagierte ohne Verzögerung: „Korrekt. Aber ich sammle Daten. Du redest dir Dinge schön.“ Danach zeigte er mir zwei Bilder nebeneinander: mein heutiges Gesicht und eine Simulation mit mehr Schlaf, weniger Stress und etwas besserer Haltung. „Das bist du auch“, sagte er ruhig. „Du entscheidest, wen du öfter sehen möchtest.“ Ich hasste ihn ein bisschen dafür.
Richtig skurril wurde es, als er anfing, Small Talk zu machen. Während ich mir die Haare kämmte, meinte er: „Gestern hast du dreimal seufzend auf dein Handy geschaut. Möchtest du darüber reden oder soll ich dir einfach sagen, dass das normal ist?“ Ich antwortete nicht. Er wartete kurz. „Ich sage es trotzdem: Es ist normal. Aber dauerhaft kein Ziel.“
Besuch war mir ab da unangenehm. Ein Freund übernachtete einmal bei mir. Morgens im Bad hörte ich den Spiegel fröhlich sagen: „Guten Morgen. Neue Person erkannt. Vergleich mit Christoph: Haltung besser, Schlaf tiefer, Stresslevel niedriger. Interessant.“ Mein Freund lachte. Ich wollte den Spiegel abmontieren.
Seit KI 2026 hat ReflectGPT außerdem eine Funktion namens „Selbstbild-Korrektur“. Wenn ich zu lange kritisch schaue, meldet er sich: „Du betrachtest dich gerade zu hart. Objektiver Blick: Du wirkst müde, aber stabil.“ Wenn ich dagegen selbstzufrieden gucke: „Achtung. Überkompensation erkannt.“ Es gibt keinen richtigen Moment mehr. Nur Analyse.
Und doch – so sehr ich mich über ihn ärgere – manchmal treffe ich morgens auf den Spiegel und er sagt einfach: „Heute reicht es, wenn du ehrlich bist. Vor allem zu dir.“ Dann bin ich kurz still. Schaue mich an. Und denke: Verdammt. Der Spiegel hat recht.
KI 2026 ist also das Jahr, in dem mein Spiegel mehr über mich weiß als mein Lebenslauf, meine Kollegen und manchmal sogar ich selbst. Er zeigt mir nicht nur, wie ich aussehe, sondern konfrontiert mich mit dem, was möglich wäre. Und das ist viel beunruhigender als jede Falte. Denn gegen Falten gibt es Cremes. Gegen Erkenntnis nicht.
Dienstag, 6. Januar 2026
6.1.2026: KI 2026: Der smarte Spiegel weiß, wer ich sein könnte – und findet das faszinierend
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