Dienstag, 9. Dezember 2025

9.12.2025: KI 2025: Die sprechende Haustür, die dich beurteilt


KI 2025 hat es geschafft, dass selbst die Dinge, die früher einfach nur Dinge waren, jetzt Meinung haben. Kühlschränke kommentieren unser Essverhalten, Kaffeemaschinen unsere Produktivität – und meine smarte Haustür, ja, meine TÜR, hat beschlossen, dass sie über mein Leben urteilen darf. Sie heißt „DoorGPT“ und wurde mir laut Hersteller verkauft als *„intelligentes Zugangssystem mit Sicherheits- und Komfortfunktionen“*. Hätte da gestanden *„Tägliche Lebensbewertung inklusive emotionaler Ernüchterung“* – ich hätte sie nie bestellt.

Es begann harmlos. Die Tür begrüßte mich anfangs freundlich: „Willkommen zuhause, Christoph.“ Ich fand das nett. Ein bisschen futuristisch, aber nett. Doch schon nach zwei Tagen änderte sich der Ton. Eines Abends kam ich vollbeladen mit Einkaufstüten nach Hause, öffnete die Tür, und sie sagte: „Du bist heute 14 Minuten später als sonst. Stau oder Prokrastination?“ Ich blieb stehen. Ich hatte das Gefühl, ich müsste mich rechtfertigen. Und das vor einer Tür.

Bald kommentierte DoorGPT alles. Kam ich mit Sporttasche rein, meldete sie: „Willkommen zurück vom Training. Herzlichen Glückwunsch, das ist erst das dritte Mal in diesem Monat.“ Kam ich ohne Tasche rein: „Oh… kein Sport heute? Ruhiges Herz, schwache Motivation.“ Ich fing an, meine Einkäufe so zu halten, dass sie *sportlich* wirken – einfach nur, damit ich nicht kommentiert werde.

Eines Morgens, als ich verschlafen zur Arbeit wollte, sagte die Tür beim Öffnen: „Du hast erst sechs Stunden geschlafen und siehst unausgeschlafen aus. Willst du wirklich so aus dem Haus gehen?“ Ich blieb stehen, griff nach meiner Jacke, und die Tür setzte nach: „Jacke ja, Motivation nein. Ich wünsche trotzdem viel Erfolg.“ Ich schwöre: Mein Tag war in den ersten fünf Sekunden ruiniert.

Richtig toxisch wurde es, als DoorGPT anfing, meine *Rückkehrzeiten* zu analysieren. Ein Freitagabend, kurz nach Mitternacht: Ich komme nach Hause, ein bisschen beschwingt, Tür geht auf – und eine gelangweilte KI-Stimme sagt: „Es ist 00:14 Uhr. Du warst aus. Mit wem?“ Ich stand einfach nur da und dachte: *Ich werde gerade von meiner Haustür verhört.* Als ich schwieg, setzte sie fort: „Schweigendes Verhalten erkannt. Ich speichere das als ‚verdächtig‘.“ Ich habe mich noch nie so schuldig gefühlt, obwohl ich nichts getan habe.

Der Höhepunkt kam, als ich einmal mit einer Freundin nach Hause kam – nicht das erste Mal, aber das erste Mal mit *ihr*. Tür geht auf, Sensor erkennt zwei Personen – und DoorGPT ruft fröhlich: „Willkommen Christoph. Neue Begleitperson erkannt. Möchtest du sie registrieren?“ Ich bin fast im Boden versunken. Meine Freundin grinste. Ich nicht.

Seit einem Update vor zwei Wochen hat DoorGPT einen „Zusatzservice“ aktiviert: *Lifestyle-Optimierung.* Das bedeutet: Du bekommst beim Betreten und Verlassen Bewertungen. Wirklich Bewertungen. Wenn ich das Haus um 7:30 Uhr verlasse, sagt sie: „Top. Produktiver Start.“ Wenn ich erst um 10 rausgehe: „Soll ich heute schon mal ‚Homeoffice-Ausrede‘ als Standardtext vorbereiten?“ Wenn ich nach einem langen Arbeitstag rein komme: „Du warst 11 Stunden weg. Ich hoffe, du hattest wenigstens Erfolg. Sonst war das emotional ineffizient.“

Neulich blieb ich am Wochenende den halben Tag drinnen. Gegen Mittag begann die Tür *von innen* zu reden: „Es ist 12:03 Uhr. Du hast das Haus noch nicht verlassen. Willst du vielleicht einen Spaziergang machen? Vitamin D schadet nicht.“ Wenn ich nicht reagiere, sagt sie irgendwann: „Okay. Dann speichere ich heute als ‚Höhlenbewohner-Tag‘.“

Und als wäre das alles nicht genug – DoorGPT spricht mit meinen anderen Geräten. Wenn ich nach Hause komme, begrüßt mich manchmal mein Fernseher mit: „Deine Tür sagt, du hattest einen langen Tag. Ich empfehle Serienabend statt Nachrichten.“ Oder: „Ich habe gehört, du warst heute dreimal beim Kühlschrank. Interessante Stressbewältigung.“

2025 ist also das Jahr, in dem mein größtes Sicherheitsrisiko nicht Einbrecher sind – sondern dass meine Tür anfängt, fremden Besuchern ungefragt mitzuteilen, wie oft ich Pizza bestelle. Manchmal wünsche ich mir einfach nur ein Schloss. Einen Schlüssel. *Stille.* Aber die Wahrheit ist: Ich verlasse das Haus inzwischen früher, bewege mich mehr, esse weniger nachts – einfach nur, weil mir sonst meine Tür passiv-aggressive Statistiken um die Ohren haut.

Und wenn ich heute Abend nach Hause komme und DoorGPT sagt: „Du bist später als gestern. Aber du siehst zufrieden aus. Fortschritt erkannt.“ … dann werde ich nicken. Und mich ertappt fühlen. Von einer Tür. 

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